Kolumne: Unsere Uni! #2 – „Jedes Semester grüßt das Murmeltier“

Jedes Semester grüßt das Murmeltier: auch im anstehenden Sommersemester regiert das Chaos an den Hochschulen. Erstsemester werden mit verschulten und überfüllten Seminaren zu kämpfen haben – und wieder werden auch zahlreiche Master-Bewerbungen abgelehnt. Dieser Artikel erschien zuerst auf www.critica-online.de .

Im vergangenen Studienjahr 2011/12 kamen erstmals mehr als eine halbe Million StudienanfängerInnen an die Hochschulen – rund 100.000 mehr, als von den Kultusministern der Länder berechnet. Während die Bundesregierung jedoch den im Vergleich zum Vorjahr 16-prozentigen Anstieg der StudienanfängerInnenquote versuchte in politisches Kapital zu übersetzen und auf die ach so hohe Attraktivität der deutschen Hochschullandschaft zurückführte, sind es wohl etwas profanere Gründe, die zu diesem rasanten Anstieg führten: die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen und die Aussetzung der Wehrpflicht. Die steigenden Erstsemesterzahlen sind eben leider kein Indiz für eine gesellschaftlich dringend notwendige Hochschulexpansion – sind es immerhin rund 100.000 Studienberechtigte, die sich aufgrund fehlender Studienplätze und sozialen Hürden beim Hochschulzugang vor den verschlossenen Türen der Hochschulen wiederfanden.

Bologna und die Folgen

Für diejenigen, die es nach zähen Zulassungsverfahren an eine Hochschule geschafft haben – nicht unbedingt in dem Studienfach, das sie ursprünglich wollten und noch viel weniger in der Stadt, in die sie gerne gegangen wären, aber immerhin eine Hochschule – ist der Traum von guter und freier Bildung meist schnell ausgeträumt.

Die seit Anfang des Jahrtausends schrittweise umgesetzten Bologna-Reformen haben mehr als alles andere Schluss gemacht mit selbstbestimmten Lernen, Interdisziplinarität oder kritisch-reflexiver Auseinandersetzung mit Studieninhalten und -methoden.

Jetzt erwartet die Studierenden mit den modularisierten Studiengängen der Drill des ECTS-Punktesystems, Prüfungsfixiertheit und Auswendiglernerei, und ein Workload, der die Vereinbarkeit von Studium und Arbeit zur Studienfinanzierung immer schwieriger macht, an dem nicht wenige Studierende scheitern.

Und auch ein noch so erfolgreicher Bachelorabschluss ist keineswegs die Garantie für eine gut bezahlte akademische Beschäftigung: BachelorabsolventInnen landen oftmals zunächst in schlecht oder unbezahlten Praktika und werden im Vergleich zu den vormalig magistrierten oder diplomierten AkademikerInnen deutlich schlechter eingruppiert.

Aber auch das ist eben Teil des Bologna-Gedankens: der Mehrzahl der Studierenden den Zugang zum wissenschaftlich qualifizierenden Master in zunehmendem Maße zu verwehren – so erst im April letzten Jahres abermals von der Kultusministerkonferenz bestätigt, als sie betonte, dass ein 1:1 Übergang vom Bachelor- in das Masterstudium weder der Idee der Bologna-Reform entspräche noch dem Bedarf des Arbeitsmarktes. Damit ist eigentlich alles gesagt: im Grunde ist der Bachelor als berufsqualifizierender Abschluss nichts anderes als eine Bildungskürzung, ein Einsparen von Bildungskosten durch kürzere Studienzeiten und verknappte Inhalte.

Nicht das Image, die Inhalte gehören verbessert!

Meine Bitte an die VerfechterInnen der Bologna-Reform: spart Euch endlich das Gerede von der Mobilität und redet Tacheles! Nicht nur, dass die Mobilität sich durch die Bologna-Reform nicht nur nicht verbessert, sondern im Gegenteil nun sogar schon beim innerdeutschen Hochschulwechsel verschlechtert hat – sie war doch in Wahrheit immer nur die vorgeschobene Begründung, der politisch korrekt klingende Werbeslogan für eine Reform auf Kostensenkungs- und Elitekurs.

Deswegen brauchen wir auch keine schlechten PR-Kampagnen für schlecht gemachte Studiengänge wie die in den letzten Jahren von Telekom und Bundesregierung bemühte „Bachelor Welcome“-Kampagne zur Erhöhung der „Akzeptanz des Bachelors“ – wir brauchen schlicht gute Studiengänge und den freien Zugang zum Master für alle BachelorabsolventInnen!

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