MdB Nicole Gohlke

Standpunkt: „Eliten speisen sich aus den Universitäten“

Studierendenkonferenz der Linksfraktion zu Rassismus hat großen Zulauf. Rechte an vielen Hochschulen. Gespräch mit Nicole Gohlke

 

Interview: Ralf Wurzbacher, Junge Welt, 16.12.16

 

Die Linksfraktion im Bundestag richtet an diesem Freitag ihre Studierendenkonferenz im Paul-Löbe-Haus unter dem Titel »Antirassismus und Antifaschismus an der Hochschule« aus. Wie es heißt, wird ziemlich viel los sein.

Bis zum Mittwoch abend hatten sich schon knapp 300 Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet angemeldet, so dass wir aus Platz- und Sicherheitsgründen leider einige Absagen verschicken mussten. Aber es ist doch ein gutes Zeichen, dass sich nach der Wahl von Donald Trump und dem kometenhaften Aufstieg der AfD so viele Studierende Gedanken darüber machen wollen, wie wir die Rechte an den Hochschulen und darüber hinaus bekämpfen können.

Hat die voranschreitende Rechtsentwicklung also auch die Hochschulen erfasst?

Die AfD geriert sich zwar als Anwalt der kleinen Leute, ist aber eine zutiefst elitäre Partei. Die gesellschaftlichen Eliten speisen sich auch heute noch stark aus den Universitäten. Es ist kein Zufall, dass die AfD als »Professoren-Partei« gegründet wurde. In Bonn fordert die AfD-Hochschulgruppe mit aufsehenerregenden Aktionen zum Beispiel eine Zusammenarbeit der Uni mit der Bundeswehr. In Halle haben Studierende der völkisch-rassistischen »Identitären Bewegung« an Frauen Pfefferspray zum Schutz gegen Migranten verteilt.

Der Aufstieg der AfD darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rechte schon länger auf Traditionslinien und Kontinuitäten an den Hochschulen zurückblicken konnte. Bester Beweis dafür sind die Verbindungen und Burschenschaften, von denen viele enge Kontakte zur extremen Rechten unterhalten.

Spiegelt sich das Erstarken der Rechten auch im Lehrkörpers wider?

Durchaus: An der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald unterrichtet beispielsweise der Rechtswissenschaftler Ralph Weber, der bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern für die AfD kandidiert hat. Er lief regelmäßig in Thor-Steinar-Kleidung über den Campus, bis die Hochschule das Präsentieren dieser Neonazimarke untersagte. Und er unterhielt enge Kontakte zu NPD und DVU. Das ist sicher ein Extrembeispiel. Daneben gibt es viele Biedermänner, etwa den Anglistik-Professor an der Berliner Humboldt-Uni und Sprecher der AfD in Pankow, Markus Egg. Der ist bislang nicht mit extrem rechten Äußerungen aufgefallen. Diese Mischung macht die AfD so gefährlich.

Wie begegnen die Studierenden den rechten Kräften und ihren Parolen?

Wir haben verschiedene Initiativen zu unserer Konferenz eingeladen, etwa Emine Aslan, eine Studentin aus Frankfurt am Main, die unter den Schlagworten #campusRassismus und #ausnahmslos eine antirassistische Gegenöffentlichkeit mit aufbaut. Mohammed Jouni, selbst Flüchtling, engagiert sich bei »Jugendliche ohne Grenze«. Und mit der Juso-Chefin Johanna Uekermann arbeiten wir im Bündnis »Aufstehen gegen Rassismus« daran, alle Kräfte unter einem Dach zu versammeln, die sich aktiv gegen den Rechtstrend stellen wollen.

Welche Rolle soll dabei die Konferenz Ihrer Fraktion spielen?

Wir wollen einen Beitrag zur Vernetzung von Studierenden leisten und um eine linke Hegemonie an den Hochschulen kämpfen. Wir wollen darüber hinaus überlegen, wie die akademische Linke in einen gemeinsamen Kampf mit denjenigen einsteigen kann, denen der Weg an die Hochschule versperrt ist: etwa den sogenannten bildungsfernen Schichten aus der traditionellen Arbeiterklasse oder den Geflüchteten ohne Papiere und Zeugnisse. Der Rechtstrend kann sicher nicht alleine an den Hochschulen aufgehalten werden, aber von dort kann erneut ein starkes Signal in die Gesellschaft ausgehen: für die Gleichheit aller Menschen und für eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

Was bedeutet das mit Blick auf die Flüchtlinge, die hier studieren oder studieren wollen?

Wir fordern eine Öffnung der Hochschulen für alle. Ausländische Abschlüsse müssen unbürokratisch anerkannt werden, und wer seine Zeugnisse auf der Flucht nicht mitnehmen konnte, muss eine Perspektive auf eine schnelle Feststellung der Hochschulreife bekommen. BAföG muss sofort, nicht erst nach 15 Monaten Aufenthalt gewährt werden. Wir brauchen außerdem einen zügigen Ausbau der Deutsch- und Englischsprachkurse sowie der Wohnheimkapazitäten.

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