Kolumne: »Latte Macchiato-Linke« und die Arbeiterklasse

In meiner aktuellen Disput Kolumne beschäftige ich mich mit der Frage, ob die verschiedenen Milieus („neue urbane Schichten“ versus „Arbeiterklasse“), die die LINKE erreicht und erreichen möchte, wirklich so weit auseinander liegen, wie oftmals behauptet wird und ob es nicht gerade die Aufgabe der LINKEN wäre, das Verbindende zu suchen und gemeinsame Interessen zu formulieren. Die komplette Ausgabe des Disput findet ihr hier.

 

Die WählerInnenschaft der LINKEN hat sich verändert. Sie wurde jünger, urbaner und akademischer – oder wie es die »taz« ausdrückte: Sie wurde »hip«. Unter Erwerbslosen hingegen stagnieren die Zahlen: Seit 2009 verlieren wir in dieser Gruppe an Zustimmung. Die folgenden Zeilen sollen kein Beitrag zur Migrationspolitik sein, die manch eine und einer – voreilig, wie ich finde – als Ursache ausgemacht hat.
Kommentieren möchte ich aber die These, dass die neuen WählerInnenmilieus jener klassischen Arbeiterklasse fern stünden, um deren Selbstemanzipation DIE LINKE kämpft. Meine These dagegen lautet: Der Großteil jener »Latte Macchiato-Linken«, wie sie mitunter verächtlich genannt wird, ist genauso betroffen von Prekarität, Ängsten und Unsicherheit, kurz: von der »Abstiegsgesellschaft « (Nachtwey), wie die »alte« Arbeiterklasse.
Die Zahl der Studierenden ist in den vergangenen 40 Jahren von 400 Tausend auf 2,8 Millionen gestiegen: Besuchten 1970 nur 11 Prozent eines Jahrgangs die Hochschule, sind es heute 56 Prozent, Tendenz steigend. Richtig ist zwar: Noch immer wird erheblichen Teilen der Arbeiterklasse der Zugang zur Hochschule verbaut oder massiv erschwert. Aber eine Öffnung der Hochschulen hat es in der BRD im Nachgang der 68er-Revolte und dank sozialer Reformen gegeben.
Diese Ausweitung des Zugangs zur Hochschule hat allerdings mitnichten dazu geführt, dass mehr Menschen höhere Löhne bekämen. Vielmehr fand gerade im Zuge der Öffnung der Hochschulen eine Entwertung der akademischen Abschlüsse und Titel statt. Die Öffnung der Hochschulen erfolgte eben auch unter der Regie des modernen Kapitalismus, der einen steigenden Bedarf an akademisch ausgebildeten Fachkräften hat.
Und so wartet auf die künftigen Erwerbstätigen in geisteswissenschaftlichen und Medien-Berufen, in Gesundheits- und Sozialberufen oder auf die künftigen LehrerInnen in der Regel kein Leben in der gutbetuchten Mittelschicht oder der Aufstieg in Chefetagen. Stattdessen erwarten sie oft hohe hohe Belastungen, die mit niedrigen Gehältern und befristeten Verträgen einhergehen. LehrerInnen werden für die Schulferien entlassen, WissenschaftlerInnen an Hochschulen hangeln sich von einem Jahresvertrag zum nächsten und gehen viele Jahre lang mit 1.400 Euro netto nach Hause. Weite Teile der »lohnabhängigen Intelligenz« (Frank Deppe) sind mittlerweile proletarisiert.
Obwohl es eine Angleichung der Lebenslagen an jene der »klassischen« ArbeiterInnenklasse gibt, bleiben kulturelle Abgrenzungen bestehen und nehmen mitunter sogar zu. Denn der Neoliberalismus hat die gesellschaftliche Konkurrenz ausgeweitet und den Druck zur beständigen Investition in die eigene »Ich AG« für alle erhöht. Und natürlich klammern sich daher einige akademisch Gebildete an ihr »kulturelles Kapital« (Pierre Bourdieu) und grenzen sich nur allzu gerne von jenen »Prolls« ab, die eben keinen Gefallen an schicken Retro-Bars finden. So wird der eigene Selbstwert aufpoliert. Didier Eribon legt in seinen Schriften diesen Mechanismus offen.
Doch zeigt nicht gerade der Zustrom zur LINKEN das wachsende Bedürfnis in diesem Milieu, eben jene Spaltungen zu überwinden? Jene, oft gut gebildete, junge Menschen, die heute unsere Partei bereichern, wollen mit uns gemeinsam die soziale Frage stellen – ohne aber dabei Diskurse zu bedienen, in denen einheimische und zuwandernde Teile der Klasse gegeneinander ausgespielt werden.
Die ArbeiterInnenklasse hat viele Gesichter: der migrantische Jugendliche ohne Ausbildung, der in Gelegenheitsjobs Familie und Nachbarn hilft; die zwischen Praktika-Verträgen und Kurzzeit- Projekten hechelnde Akademikerin; der alleinerziehende Vater in Teilzeitarbeit, der keine bezahlbare Wohnung findet; die Erwerbslose in der sächsischen Kleinstadt, die nur noch zur »industriellen Reservearmee« gehören darf – sie alle gehören dazu. Ihre gemeinsamen Erfahrungen und Forderungen sollten wir als LINKE artikulieren – als kämpferische und verbindende Partei.