Keine wissenschaftliche Leistung kann größer sein als eine humanistische Haltung

Auch an der Technischen Universität (TU) in München werden in vier Fällen noch immer Nationalsozialisten als „Ehrendoktoren“ bzw. „Ehrensenator“ geführt.
Zu Recht prüft die TU nun, ob die Ehrungen wieder aberkannt werden können. Ich meine: die Aberkennung der Titel ist überfällig und eigentlich eine Selbstverständlichkeit!

 

Zu den Fällen im Einzelnen:

Ernst Udet, „Fliegerheld“ im ersten Weltkrieg und im NS-Regime verantwortlich für die Entwicklung und Produktion von Jagdflugzeugen und Bombern, erhielt den Ehrendoktor 1938 durch die Fakultät für Maschinenwesen. Die TU München begründete die Verleihung damals mit  „seinen großen Verdiensten um den Aufbau der deutschen Luftwaffentechnik und deren Einsatz im Kriege“ – wissenschaftliche Verdienste erwarb er keine.

Fritz Todt erhielt den Ehrendoktor durch die Fakultät für Bauwesen – ebenfalls im Jahr 1938. Der überzeugte Nationalsozialist trat bereits 1922 in die NSDAP ein und bekleidete verschiedene leitende Positionen schon vor Hitlers Machtübernahme. Die Bautruppe „Organisation Todt“ errichtete nach Kriegsbeginn Militäranlagen im besetzten Europa und war am Bau des Atlantikwalls und diverser U-Bootstützpunkte an der französischen Küste beteiligt. Die TU München ehrte Todt für „die bautechnische Erschließung und Sicherung des Großdeutschen Lebensraums“.

Auch Wilhelm Messerschmidt erhielt 1938 den Ehrendoktor – durch die Fakultät für Maschinenwesen. Er setzte sich ein für den Einsatz von Zwangsarbeiter*innen in der Luftrüstung und befürwortete den teilweise tödlichen Einsatz von KZ-Häftlingen. Auf der Internetseite der TU München steht er heute noch immer als „Gründerpionier“ für Start-Ups als Vorbild.

Emil Zenetti wurde 1943 zum „Ehrensenator“ durch die TU München ernannt. Zenetti beteiligte sich als Kommandeur an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik 1919. Als kommandierender General und Befehlshaber des Luftgaus VII in München organisierte er unter anderem die Entschärfung von Blindgänger Bomben. Für die tödliche Arbeit wurden Gefangene aus Konzentrationslagern eingesetzt.

 

Die TU München prüft nun, ob die Ehrungen wieder aberkannt werden müssen. Für mich wäre dieser Vorgang eine Selbstverständlichkeit!
Denn Wissenschaft steht nicht außerhalb der Gesellschaft – sie ist ein Teil von ihr.
Eine Wissenschaft, die sich selbst nicht in der Tradition von gesellschaftlicher Verantwortung verortet, sondern sich in den Dienst stellt von unterdrückerischer Regime und von Krieg, leistet keinen Beitrag zur Fortentwicklung der Menschheit und zu Humanismus, sondern begünstigt letztlich ihren Zerfall.
Selbst wenn die bisherigen Personen wissenschaftliche Verdienste erworben hätten, sind deren Lebenswerk, wie auch der Einsatz ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse, aufs Engste mit dem millionenfach mordenden Nazi-Regime verwoben. Dafür haben sie keine Ehrung verdient. Während Alexander Gauland fordert „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, stehen wir als LINKE in der Tradition: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!