Interview: „Der Staat muss mit guten Beispiel voran gehen“

Am 11.5. gab ich der Rhein Neckar Zeitung ein Interview über die Lohnentwicklung, das Verhalten der Deutschen Post und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Das Interview dokumentiere ich hier:

Frau Gohlke, die Regierung möchte die Sozialbeiträge senken und sachgrundlose Befristungen eindämmen. Damit müssten Sie doch zufrieden sein, oder?
Zufrieden bin ich damit, dass die Themen, die die LINKE oder die Gewerkschaften seit Jahren setzen, aufgegriffen werden. Die Frage ist aber, wie es sich konkret gestaltet. Ich habe die Befürchtung, dass sich wie damals bei der Leiharbeit wieder zu wenig tut und vor allem heiße Luft produziert wird. Statt Leiharbeit konsequent einzudämmen, wurde sie stellenweise ausgeweitet und legitimiert. Das Rezept der Großen Koalition ist leider oft, einen halben Schritt nach vorne zu gehen, um danach einen ganzen zurück zu machen.

Weniger Karl Marx, viel mehr Ludwig Ehrhard – das fordert Gesundheitsminister Jens Spahn. Wie stehen Sie dazu?
Karl Marx hat eine unglaubliche Aktualität und deswegen auch nach wie vor hohe Attraktivität. Gerade bei der Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Eigentumsverhältnisse in diesem Land, liefert die Lehre von Marx eine enorme Erklärungskraft. Aber das ist ja bekanntermaßen nicht das einzige, vor dem Jens Spahn seine Augen verschließt.

Glauben Sie, dass sich die Lohnverhältnisse in Deutschland ungerecht entwickeln?
Das Hauptproblem ist, dass die Lohnentwicklung nicht mal mit der Inflation Schritt hält. Gleichzeitig sind vor allem Berufe, die für das Funktionieren der Gesellschaft von höchster Bedeutung sind, teilweise sehr schlecht bezahlt oder leiden unter miserablen Beschäftigungsbedingungen, wie beispielsweise in der Pflege oder in den Sozial- und Erziehungsdiensten. Und die krasse Lohnspreizung wird zu recht als extrem ungerecht empfunden. Deswegen braucht es neben Lohnuntergrenzen auch eine Begrenzung der Löhne nach oben – niemand muss das 600fache seiner Angestellten verdienen. Und der Staat muss im Öffentlichen Dienst dringend mit gutem Beispiel vorangehen.

Was halten Sie von Deutschen Post, die eine Entfristung an der Arbeitsleistung knüpfen will?
Das ist skandalös. Wie da mit Menschen umgegangen wird, ist nicht hinnehmbar. Menschen sind keine Roboter, sie müssen auch mal einen schlechten Tag haben, Schwäche zeigen oder krank sein dürfen. Es ist ein Beispiel dafür, wie entmenschlicht unsere Arbeitswelt mittlerweile ist.
Ist die Deutsche Post damit zu weit gegangen?
Eindeutig. Schockierend finde ich, dass die Unternehmensführung diese Vorschläge präsentiert, ohne mit der Wimper zu zucken. Früher hatten die Zusteller noch einen sicheren Job, doch auch durch den Wettbewerb ist diese Branche unglaublich unter Druck geraten. Das geht auf die Gesundheit dieser Menschen. Wenn jetzt von Seiten der Post so getan wird, als sei das völlig normal, zeigt das einmal mehr, was für eine bedenkliche Werteverschiebung in den letzten 20 Jahren stattgefunden hat.

Hat die Gesellschaft dafür nicht eine Mitverantwortung, dass Unternehmen wie Amazon ihre Mitarbeiter ausbeuten?
Zuerst einmal sind natürlich die Unternehmen in der Verantwortung, die ihre MitarbeiterInnen so behandeln. Aber ja, die Gesellschaft ist in der Pflicht, solche Bedingungen zu skandalisieren und Druck zu machen.
Wir müssen viel mehr an unserer Solidarität arbeiten, um den Beschäftigten beizustehen, zum Beispiel wenn sie sich in Arbeitskämpfe begeben, wie bei Amazon.
Und schlechten Arbeitsbedingungen einen Riegel vorzuschieben – da ist natürlich auch der Staat gefordert.

Auch in der Wissenschaft gibt es prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Was soll die Regierung tun?
Die Politik hätte es in der Hand das Hochschulsystem ausreichend zu finanzieren. Hochschulen brauchen Planungssicherheit – auch bei der Entfristung von Beschäftigten in Lehre und Forschung. Am Ende steht auch die Frage, ob Menschen bleiben, die den Wissenschaftsstandort in Deutschland erhalten. Wenn die Mitarbeiter sich im Konkurrenzkampf aufreiben, leidet auch die Qualität von Lehre und Forschung. Es wäre fatal, wenn zu viele der Wissenschaft den Rücken kehren.