MdB Nicole Gohlke

Mietenwahnsinn: „Desaströse Zustände“ zu Semesterbeginn

Nicole Gohlke, hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, spricht im Interview mit der Zeitschrift DISPUT über studentische Wohnungsnot und was DIE LINKE dagegen macht.

Am 1. Oktober fängt das Wintersemester an – worauf müssen Studierende sich einstellen?

Wer  jetzt ein Studium beginnt und ein Zimmer sucht, bekommt in den Hochschulmetropolen die volle Wucht der dramatischen Mietenexplosion zu spüren. Zehntausende bezahlbare Wohnungen und Wohnheimzimmer fehlen.

Was ist die Folge?

Die Wartelisten sind voll und Wohnungsbesichtigungen werden zum Massen-Casting. Viele retten sich in Zwischenmieten, Mehrbettzimmer in Jugendherbergen oder überteuerte Mikroapartments. In Münster musste das Studierendenwerk im vergangenen Jahr eine ehemalige Kaserne als Notunterkunft anmieten. Wohnen auf dem Campingplatz ist in Frankfurt, Köln und München keine Ausnahme mehr. Oft gehen für ein Dach über dem Kopf 400 Euro oder mehr drauf, das kann schon mal bis zu zwei Drittel des Monatsbudgets ausmachen. Ohne reiche Eltern hast Du das Nachsehen.

Wahnsinn

  1. Top 3 der teuersten WG-Zimmer: München (600 EUR), Frankfurt am Main (480 EUR) sowie Hamburg und Stuttgart (450 EUR)
  2. „Unterbringungsquote“ in Studentenwerk-Wohnheimen: nur noch 8,5 Prozent
  3. Über 30.000 Studierende auf Wartelisten

Wir fordern

  1. 50.000 neue Wohnplätze bei den Studierendenwerken
  2. Mietendeckel in den Hochschul-Metropolen
  3. BaföG-Wohnkostenpauschale stetig ans Mietniveau anpassen

Wo sind die „Hotspots der Wohnungsnot“ für Studierende?

Unter den Metropolen führt München: der durchschnittliche WG-Zimmerpreis liegt hier bei 600 Euro. Frankfurt am Main folgt mit 480 Euro, Hamburg und Stuttgart liegen nur knapp dahinter. Wer auf Wohnheime privater Investoren hofft, wird mit dem blanken Wahnsinn konfrontiert: In Potsdam verlangen Miethaie für ein möbliertes Apartment derzeit fast 600 Euro. Selbst auf vergleichbar moderaten Wohnungsmärkten wie in Leipzig zeichnet sich schon jetzt ab, wohin die Reise geht: Hier sind die Mieten in den letzten zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen.

Das Problem ist seit Jahren bekannt – gibt es positive Entwicklungen?

DIE LINKE kämpft für einen Mietendeckel, der in Berlin ab 2020 auch Studierenden zugutekommen wird. In den thüringischen Hochschulzentren Jena, Erfurt und Weimar sollen die Mieten für fünf Jahre eingefroren und mit einer neuen landeseigenen Baugesellschaft der Wohnungsbau angekurbelt werden. Die Proteste von Mieter*innen werden immer größer und viele Studierende beteiligen sich.

Was muss passieren, damit sich die Situation weiter verbessert?

Fakt ist: Der Markt und die große Koalition haben beim bezahlbaren Wohnungsbau auf ganzer Linie versagt. Für alle mit niedrigen Einkommen bedeutet das einen tagtäglichen Kampf, ihre Miete bezahlen zu können. Konkret brauchen wir ein Sofortpaket. Erstens: schnellstens zusätzliche 50.000 Wohnheim-Plätze, denn aktuell sinkt die Unterbringungsquote kontinuierlich. Zweitens: einen Mietendeckel, damit die Verdrängung aus dem regulären Wohnungsmarkt ein Ende hat. Und drittens: eine Anhebung des BAföG auf mindestens 1050 EUR und Anpassung der Wohnkostenpauschale an das tatsächliche Mitniveau vor Ort. Dafür streite ich im Bundestag, doch die Bundesregierung hat erst kürzlich Verbesserungsvorschläge zum BAföG abgeschmettert. Auch ein Bund-Länder-Hochschulsozialpakt wie ihn die Studierendenwerke fordern, ist nicht in Sicht. Meine Botschaft lautet daher: bezahlbares Wohnen gibt es nur mit starken Mieter*innen-Initiativen und Druck von Links.

Wie geht es weiter?

Gemeinsam mit dem sozialistisch-demokratischen Studierendenverband startet DIE LINKE zu Semesterbeginn die „Aktionsphase studentisches Wohnen“ und informiert  über die Ursachen der desaströsen Wohnsituation. Wir wollen mit Studierenden über ihre Sorgen, Fragen und Wünsche sprechen und den Druck auf die Bundes- und Landesregierungen erhöhen. Denn es ist höchste Zeit, gemeinsam gegen den Mietenwahnsinn zu stimmen.

Interview in DISPUT 10.2019 Zum Artikel

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