Gemeinsam in der Abstiegsgesellschaft

Plädoyer für eine Klassenpolitik und für eine Betrachtung von Akademikern auf der Höhe der Zeit. Ein Gastbeitrag von Nicole Gohlke.

„Die linken Parteien sind Akademikerparteien geworden“, beklagt nicht nur Sahra Wagenknecht. Sowohl in der Partei Die Linke als auch in der SPD werden Stimmen laut, die vor einem Verlust des klassisch linken Wähler*innenmilieus der Arbeiter*innen und sozial Benachteiligten warnen. Die Kritiker*innen eint die Sorge, dass die soziale Frage als politischer Kernbestandteil linker Politik gegenüber politischen Kämpfen um Gender und Sexualität oder gegen ethnische Stigmatisierung und nationalistische Ausgrenzungen in den Hintergrund rückt. Gerade die Partei Die Linke stehe vor einer Richtungsentscheidung: Weil sich die „kleinen Leute“ nicht für diese „identitätspolitischen“ Fragen interessieren würden, werde Die Linke zunehmend eine Partei urbaner besser gebildeter und verdienender Milieus.

Die Debatte eines Auseinanderdriftens von linken Parteien und ihrer traditionellen Wählerbasis wurde gerade in Deutschland auch durch den 2016 erschienenen autobiografischen Roman „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon inspiriert. Allerdings mahnte der Autor sein deutsches Publikum, dass er gerade keinen Gegensatz zwischen Verteilungsfragen und vermeintlich „identitätspolitischen“ Positionen konstruieren, sondern diese im Interesse der Lohnabhängigen verbinden wollte.

In einer ganz ähnlichen Weise lässt sich auch die diskursive Grenzziehung zwischen Akademiker*innen und den „kleinen Leuten“ problematisieren. Denn während der Arbeiter*innenklasse wieder mehr Aufmerksamkeit zu Teil wird, wird kaum gefragt, was es mit „den“ Akademikern auf sich hat. Lässt sich hier überhaupt von einer mehr oder weniger einheitlichen Gruppe reden? Befinden sie sich in einem so scharfen Gegensatz zu den Arbeiter*innen – oder leiden sie nicht vielfach unter ähnlichen strukturellen Entwicklungen?

Neues Deutschland vom 20.04.2021 Zum Artikel

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