Das Institut Solidarische Moderne hat mich für einen Workshop auf ihre Sommerakademie zum Thema "Demokratisierung der Hochschule" angefragt. Im Vorfeld dazu habe ich zwei Fragenkomplexe beantwortet.
Fragenkomplex 1:
Analysieren Sie die, Ihrer Meinung nach, derzeit herrschenden Kräfteverhältnisse an den Hochschulen. Von welchen Institutionen geht derzeit der stärkste Einfluss auf das Profil der Hochschulen aus (sowohl Institutionen der Hochschule, als auch außerhalb der Hochschule)? Wie steht es um die die demokratischen Institutionen der Hochschule (AStA, Senat, Fachbereiche)? Erleben wir eine Entdemokratisierung der Hochschule? (ca. 2 Seiten)
Antwort von Nicole Gohlke
Die Forderung nach einer umfassenden Demokratisierung der Hochschulen ist nicht neu; sie wurde spätestens nach 1945 von allen größeren Studierendenbewegungen aufgegriffen. An ausgearbeiteten Konzepten und Vorschlägen gibt es daher auch keinen Mangel. Die bekannten Vorschläge der hochschulpolitischen Linken zur Stärkung formaler Hochschuldemokratie sind: Anerkennung der Gremien der verfassten Studierendenschaft, Freie Meinungsäußerung durch Einführung eines politischen Mandats, Stärkung der Befugnisse der gewählten Gremien gegenüber der Fachbereichs- oder Hochschulleitung, viertelparitätische Besetzung aller Gremien der akademischen Selbstverwaltung oder gleiche Wahl der Mitglieder der höchsten Gremien durch ein Kreuzwahlrecht.
Demokratie geht jedoch weit über diese formale Ebene hinaus. Der SDS definierte in seiner Denkschrift von 1961 Demokratisierung „verstanden als Aufhebung sachfremder Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Hochschulen“i. Unter solch „sachfremden Abhängigkeitsverhältnissen“ müssen all diejenigen Faktoren gefasst werden, die ein frei gewähltes und selbstbestimmtes Forschen und Studieren behindern: straffe Studienverlaufspläne und Anwesenheitslisten, sind darunter genauso zu nennen wie Studiengebühren, welche die finanzielle Abhängigkeit von einem Nebenjob, einer Kreditanstalt oder den Eltern verstärken. Zugangs- und Zulassungsbeschränkungen verwehren bestimmten Personen und gesellschaftlichen Gruppen den Eintritt in die Hochschule sogar gänzlich. Dass die Forschungsergebnisse oder Absolvent/innen bestimmter Fächer auf dem Markt stärker nachgefragt werden als die anderer Fächer, führt zu Privilegien und Ungleichheit zwischen einzelnen Disziplinen. Diese Beispiele verdeutlichen, dass Hochschulen kein freier Wissenschafts- und Forschungsraum sind, sondern von Abhängigkeitsverhältnissen und Hierarchien durchdrungen sind, die oftmals den selbstgesteckten Zielen von Forschung und Lehre zuwider laufen. Die Frage nach der Demokratie in der Hochschule ist am Ende vor allem auch eine soziale Frage und eine Frage nach der Funktion und der Organisation der Hochschule in der Gesellschaft.
Durch die gewaltigen Umstrukturierungsprozesse in der Hochschullandschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts, allen voran die Bologna-Reform im europäischen Hochschulraum und die Exzellenzinitiative an deutschen Hochschulen, wurden demokratische Entscheidungsprozesse noch weiter eingeschränkt. Gemäß dem Leitbild der „Unternehmerischen Hochschule“ spielen betriebswirtschaftliche Kategorien eine wachsende Rolle, und die Hochschulleitung ist wesentlich stärker ins Zentrum der Entscheidung über Ausrichtung und Organisation von Forschung und Lehre gerückt. Die Hochschulen sollen wie privatwirtschaftliche Unternehmen unter den Bedingungen des freien Marktes agieren, also im „produktiven internationalen Wettbewerb“ mit anderen Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Das dahinterstehende politische Ziel ist ein durch effiziente Nutzung des „Rohstoffes Bildung“ wettbewerbsfähiger und überlegener Standort BRD beziehungsweise EU. Andere bildungspolitische Ziele wie „Freiheit der Wissenschaft“, soziale Durchlässigkeit, aber auch eben demokratische Hochschulen usw. sind dem nachgeordnet, spielen im politischen Diskurs vielerorts höchstens noch eine rhetorische Rolle.
Hinzu kommt, dass die Hochschulen in den vergangenen Jahrzehnten Ziel massiver Einsparungen gewesen sind: Wurden 1975 je Million Studenten noch 1,26% des BIP ausgegeben, waren es 2004 gerade noch 0,42% – ein Rückgang um zwei Drittelii. Im gleichen Zeitraum sind die öffentlichen Ausgaben für die Hochschulen von 1,05% des BIP auf 0,82% gesunken – bei rasant steigenden Studierendenzahleniii. Die öffentliche Finanzierung, die sich ursprünglich an der Nachfrage nach Studienplätzen und der bestmöglichen Auslastung orientieren sollte (Input-Orientierung), wurde immer stärker zurückgefahren zugunsten einer differenzierten Mittelverteilung nach Output-Kriterien wie Erfolgsquoten oder Veröffentlichungszahlen. Allein durch die Kürzungen bei öffentlichen Geldern waren und sind die Hochschulen gezwungen, sich nach alternativen Finanzquellen umzusehen. In der Folge wurden die Hochschulen, aber auch die einzelnen Fachbereiche und Institute und sogar die Professorinnen und Professoren innerhalb der Hochschule gegeneinander in einen Wettbewerb um zusätzliche öffentliche und private Gelder getrieben.
2007 machten Drittmittel bereits einen Anteil von 21,8% an den Ausgaben der Hochschulen aus.iv Der größte Drittmittelgeber mit einem Anteil von 29% im Jahr 2006 ist dabei die aus Steuergeldern finanzierte Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Aber auch die Privatwirtschaft steuerte im gleichen Jahr mit 26 % der Drittmittel einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung der Hochschulen.v Während jedoch die Anzahl der Studierenden in Geistes- und Sozialwissenschaften mehr als sechsmal so hoch ist wie beispielsweise in den Lebenswissenschaftenvi, war das DFG-Drittmittelaufkommen 2006 im letzteren Bereich laut DFG-Förder-Ranking 2009 mehr als doppelt so hoch wie bei den Geistes- und Sozialwissenschaften. Die direkte Forschungs- und Entwicklungsförderung des Bundes war in den Lebenswissenschaften sogar 20 mal so hoch und in den Ingenieurswissenschaften mehr als 60 mal so hoch wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die gerade einmal von 0,9% der FuE-Förderung profitieren konnten.vii
Allein an Zahlen wie diesen lässt sich eindrucksvoll belegen: Die Umstrukturierungen, durch welche die Finanzierung der Hochschulen auf den Kopf gestellt wurde, tragen entscheidenden Anteil daran, wer unter welchen Bedingungen an welchem Standort und in welcher Fachrichtung studieren und forschen kann. Die Entscheidung über Forschungsschwerpunkte, Profil und sogar Studienförderung der Hochschulen trifft weniger die Hochschule selbst als vielmehr Drittmittelgeber wie die DFG, die gewerbliche Wirtschaft oder die Politik – etwa über Exzellenzinitiative, Forschungs- und Entwicklungsförderung, die Hightech-Strategie oder das Nationale Stipendienprogramm – ein im Juli 2010 beschlossenes PPP-Projekt, mit dem Unternehmen mittels staatlich subventionierter Stipendien sogar Einfluss auf die Studienfachwahl der Studierenden ausüben sowie ein Mitspracherecht über die Geförderten selbst bekommen.
Durch die zunehmende Abhängigkeit von Drittmitteln und dem daraus hervorgegangenen Wettbewerb spielen betriebswirtschaftliche Kriterien wie effektiver Mitteleinsatz, Profilierung und Marketing eine inzwischen sehr große Rolle für die Planung und Leitung der Hochschulen. Die neue Situation verlangt neue, flexible Steuerungsmodelle, die sich an privatwirtschaftlichen Management-Strukturen orientieren: „Der Doppelcharakter der Hochschule als Betrieb und Korporation verlangt von den Inhabern zentraler Leitungsfunktionen eine nur durch Ausbildung und Erfahrung erlangbare doppelte Qualifikation: sie müssen die Funktionsbedingungen von Wissenschaft aus Erfahrung kennen und zugleich über umfassende Managementkompetenz verfügen.“viii
Diese Stellenbeschreibung für Leitungsfunktionen spricht dem größten Teil der Mitglieder einer Hochschule die Qualifikation zur direkten Beteiligung an der Entscheidungsfindung ab. Wie in einem normalen kapitalistischen Betrieb erweist sich eine demokratische Organisation für die neue unternehmerische Hochschule als zu schwerfällig und damit hinderlich. Funktionalität und Effektivität in den Leitungsstrukturen stehen im Vordergrund der Neu-Organisation der Hochschulen.
Den einzelnen Mitgliedern der Hochschule, bzw. ihren Repräsentantinnen und Repräsentanten, werden zunehmend rein beratende Funktionen zugeschrieben. Statt Demokratie gibt es nun Evaluation: Über die Teilnahme an Umfragen zur Qualitätssicherung werden Studierende in die Konzeption der Lehre eingebunden, ohne jedoch aktiv an Auswertung und Entscheidungen beteiligt zu sein. Neue einflussreiche, aufsichtsratsähnliche Gremien wurden eingerichtet, in welchen sich in der Regel auch wissenschaftsfremde Personen wie Wirtschaftsvertreter finden.
Sehr großen Einfluss auf diese Entwicklung hat die Bertelsmann-Stiftung. Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das überwiegend von der Bertelsmann-Stiftung finanziert wird, ist bundesweit ein zentraler Akteur in der Hochschulpolitik. Die zahlreichen nationalen und internationalen Rankings und Vergleiche des CHE befeuern den Wettbewerb zwischen den Hochschulen. Das CHE war und ist in mehreren Bundesländern an der Erarbeitung von Hochschulgesetzen beteiligt. In Nordrhein-Westfalen hat der damalige FDP-Wissenschaftsminister Pinkwart die CHE-Vorschläge für die Eckpunkte eines Hochschulfreiheitsgesetzes weitgehend, teilweise wörtlich, übernommen. Im Ergebnis wurden die Hochschulen „verselbstständigt“ und sind dort künftig keine staatlichen Einrichtungen mehr, sondern nur noch Körperschaften des öffentlichen Rechts. Zentrale Kompetenzen wie die Wahl des Präsidiums, die Entscheidung über die strategische Ausrichtung, über die Grundordnung und die Zielvereinbarung mit dem Wissenschaftsministerium wurden den neuen Hochschulräten übertragen, die mindestens zur Hälfte aus externen Mitgliedern bestehen sollen. Diese Entwicklung ist keinesfalls auf Nordrhein-Westfalen beschränkt. So wurde der Präsident der Universität Erlangen-Nürnberg unter anderem vom Vorstandsvorsitzenden von AUDI und der Multimilliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler gewählt.
In gleichem Maße, in dem die Mitwirkungsmöglichkeiten und Entscheidungsbefugnisse von Hochschulleitungen und Externen gestärkt wurden, wurde der Einfluss von Gremien der akademischen Selbstverwaltung geschwächt. Beispielsweise liegt die Entscheidung über Konzeption und Aufbau der Studiengänge nun letztendlich bei der Hochschulleitung, da sie die Akkreditierung der Studiengänge durch private Agenturen beantragen muss.
Das Leitbild der „Unternehmerischen Hochschule“ als Gegenmodell zur Gruppenuniversität bedeutet eine Entdemokratisierung der Hochschulen und eine stärkere Fokussierung auf Verwertbarkeit von Forschung und Lehre. Die Verteilung der Gelder auf die einzelnen Fachbereiche folgt nicht der Nachfrage nach Studienplätzen oder demokratischen Entscheidungen innerhalb der Hochschule, sondern vielmehr den Interessen von Staat und Unternehmen nach Verwertbarkeit und Standortvorteil. Im Zuge dessen gewinnen auch konservative Vorstellungen wieder die Oberhand, denen es in erster Linie um die Verteidigung der Privilegien der wissenschaftlichen Eliten geht.
Die Studierendenproteste waren ein eindrucksvolles erstes Aufbegehren der Betroffenen, die begriffen haben, dass der Umbau der Hochschulen ihren Interessen zuwider läuft. Eine breite Front für die Verbesserung der finanziellen Ausstattung der Hochschulen als Grundlage für eine demokratische Diskussion und Entscheidung über die Entwicklung der Hochschule muss weiter aufgebaut werden.
i „Hochschule in der Demokratie – SDS Hochschul-Denkschrift“, Frankfurt, 1972, S. 92; siehe auch ebd. S. 93: „Demokratisierung der Hochschule bedeutet Aufhebung aller sachfremden Herrschaftspositionen und Abhängigkeitsverhältnisse in allen ihren Betrieben. Sie verwirklicht sich erst durch die gleichberechtigte Teilhabe der Dozenten, Assistenten und Studenten an der Verfügungsgewalt über die wissenschaftlichen Arbeitsmittel und an der Entscheidung über alle Universitätsangelegenheiten.“
ii Klemens Himpele, Die Linke. im Bundestag, „Bildungsfinanzierung in Deutschland: Probleme und Lösungsansätze“, Berlin, 2007, S. 21
iii ebd.
iv Statistisches Bundesamt, „Hochschulstandort Deutschland 2009. Ergebnisse aus der Hochschulstatistik“, Wiesbaden, 2009, S. 30
v DFG Förder-Ranking 2009, Weinheim, 2009, S. 15
Statistisches Bundesamt: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/BildungForschungKultur/Hochschulen/Tabellen/Content50/StudierendeInsgesamtFaechergruppe,templateId=renderPrint.psml
vii DFG Förder-Ranking 2009, Weinheim, 2009, S. 48
„Professionalisierung als Leitungsaufgabe“, Entschließung des 202. Plenums der Hochschulrektorenkonferenz am 08.06.2004, Bonn, 2004, S. 14 (http://www.hrk.de/de/download/dateien/Beschluss_Plenum_8.6.2004.pdf)
Fragenkomplex 2:
Was wären die wichtigsten Projekte/Reformvorhaben, um die Hochschulen demokratischer zu gestalten (nennen Sie 2-3 Projekte oder Reformvorhaben)? Wie könnten diese Projekte umgesetzt werden? Welche gesellschaftlichen Bündnisse könnten zur Umsetzung dieser Projekte führen? Wie kann eine Hegemonie organisiert werden, die derartige linksemanzipatorische Projekte trägt?
Antwort von Nicole Gohlke
Die Unabhängigkeit der Hochschule
Eine demokratische Hochschule bedeutet letztlich die Organisation von Forschung und Lehre durch die gleichberechtigten Hochschulmitglieder – möglichst unabhängig von staatlichen oder privatwirtschaftlichen Einflüssen. „Die Unabhängigkeit der Hochschule in Staat und Gesellschaft ist die Voraussetzung ihrer inneren Demokratisierung – und umgekehrt. Beides zusammen ermöglicht erst ihre kritische Funktion gegenüber der Gesellschaft“i, analysierte der SDS treffend.
Doch der Zustand der kritischen Wissenschaften heute ist bekannt: In der Unternehmerischen Hochschule und insbesondere in Exzellenzbereichen liegt der Fokus auf gut verwertbaren, wirtschaftlich nutzbaren Ergebnissen - die Kritik an Methoden oder gar Forschungszielen ist nur selten erwünscht; Kritische Wissenschaftler haben letztlich kaum Chancen auf Förderung durch Drittmittel – was allerdings dem unabhängigen Charakter kritischer Wissenschaft auch grundsätzlich widersprechen würde. Um also eine Unabhängigkeit der Hochschule und der Wissenschaft im Sinne des Zitats zu gewährleisten, ist die vollständige öffentliche Ausfinanzierung notwendig: Statt Wettbewerbs- und Drittmittelfinanzierung muss das Ziel in guten Lehr- und Forschungsbedingungen an allen Hochschulen bestehen – davon sind wir heute weiter entfernt denn je. Die Forderung „Geld für Bildung statt für Banken“, also nach verbesserter Grundfinanzierung der Hochschulen, ist zentral im Kampf um demokratische und freie Hochschulen.
Die soziale Öffnung der Hochschule
Neben der öffentlichen Finanzierung ist die soziale Öffnung und der unbeschränkte Zugang zu höherer Bildung und Wissenschaft eine wichtige Voraussetzung für die Demokratisierung der Hochschule. Eine exklusive Institution zur Elitenbildung kann per se nicht demokratisch sein. Eine demokratische Gesellschaft muss zum Ziel haben, dass alle Mitglieder der Gesellschaft gleichermaßen an Bildung und Kritischer Reflexion teilhaben können. Eine aktiv betriebene Abgrenzung von großen Teilen der Gesellschaft steht diesem Ziel entgegen. Zentral ist deswegen die Forderung einerseits nach der Einrichtung und Ausweitung von zusätzlichen Studienkapazitäten, um Zugangs- und Zulassungsbeschränkungen abschaffen zu können, und andererseits nach Verbesserung der Studienfinanzierung durch einen Ausbau des BAföG und Abschaffung der Studiengebühren, um allen einen gleichen Zugang zu Bildung und Forschung entsprechend ihren individuellen Interessen zu ermöglichen.
Die innere Verfasstheit der Hochschule
Die immer wieder eingeforderte Demokratisierung durch eine Reform der innerhochschulischen Entscheidungsprozesse bleibt richtig. Entmachtung der Hochschulleitung, Ausweitung der Kompetenzen und demokratische Zusammensetzung der gewählten Gremien der akademischen Selbstverwaltung, Anerkennung und Stärkung der studentischen Selbstverwaltung und ihrer Gremien und das allgemeinpolitische Mandat werden seit langem gefordert. Bedeutende Verbesserungen wurden in diesem Bereich bislang nicht erreicht, der Trend geht eher in die entgegengesetzte Richtung. Eine Rolle spielt dabei die konservative Rechtssprechung, wie im Falle des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes von 1973, das eine professorale Mehrheit in den entscheidenden Gremien vorschreibt. Die hochschulpolitische Linke muss einen gemeinsamen Umgang mit diesem Urteil finden. Möglich wäre die Forderung nach einer Grundgesetzänderung; seit längerem in der Diskussion ist auch die Einführung eines "Kreuzwahlrechtes", womit die professorale Mehrheit zwar bestehen bliebe, womit aber dennoch alle Mitglieder der zu wählenden Gremien von allen Mitgliedern der Hochschule gewählt werden.
Um zu einer stärkeren Gleichheit der Hochschulmitglieder zu kommen, muss die Trennung zwischen Forschung und Lehre und damit auch die Unterscheidung zwischen Studierenden, die auch durch die Bologna-Reform immer stärker in der Rolle bloßer Empfänger/innen bzw. Konsument/innen gedrängt werden, und Wissenschaftler/innen aufgeweicht und langfristig überwunden werden. Im Zuge dessen muss auch der weiteren Klassifizierung innerhalb des wissenschaftlichen Personals durch die zunehmende Einführung neuer Personalkategorien wie zum Beispiel „Lecturer“, also reine Lehrbeauftragte ohne Forschungsarbeit, entgegengewirkt werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Integration von Forschung und Lehre ist die massive Aufstockung des wissenschaftlichen Personals. Durch mehr Zeit, kleinere Seminare und eine bessere Betreuungsrelation wären die Lehrenden in der Lage, die Studierenden in ihre Forschungsprojekte tatsächlich einzubeziehen und gleichermaßen zu Forschenden zu machen und so die Lehre als fruchtbaren Teil der Forschungsarbeit zu gestalten – und umgekehrt.
Wie erkämpfen?
Die Frage einer „linken / linksemanzipatorischen Hegemonie“ ist letztlich die nach einer großen linken sozialen Bewegung – keine parlamentarisch-machtpolitische. Denn so wenig parlamentarische Mehrheiten und nominell linke Regierungsbündnisse ein Garant für fortschrittliche Politik sind, so sehr ist aber auch offensichtlich: Lebendige und emanzipatorische Demokratie braucht gesellschaftliche Bewegung von unten. Einzig in der Selbstaktivität der Betroffenen liegt die Chance, demokratische Entscheidungsfindung zu lernen und alternative und dauerhafte Organisationsmethoden zu entwickeln. Aktivistische Bewegungen haben für die gesellschaftliche Linke deshalb eine große Relevanz im Kampf um Reformen.
Die Breite der Bündnisse, die solche Bewegungen tragen, ist angesichts der Vielfalt linker Gruppierungen und Strömungen in den Hochschulen entscheidend für den Erfolg einer Bewegung. Der Bildungsstreik hat es beispielsweise geschafft, vom linksradikalen über das gewerkschaftliche bis ins linksliberale Spektrum zu mobilisieren und so im Juni 2009 eine Viertelmillion Schüler/innen, Studierende, Lehrkräfte und Eltern auf die Straße gebracht – eine beeindruckende Demonstration der Unzufriedenheit mit der herrschenden Bildungspolitik, wodurch eine breite Diskussion insbesondere über die Hochschulreform initiiert wurde und einige Zugeständnisse erkämpft werden konnten. Der Bildungsstreik hätte niemals eine solche Dimension angenommen, wenn es nicht die unbedingte Offenheit gegeben hätte, mit allen Gruppen und Organisationen zusammenzuarbeiten, die mit der aktuellen Entwicklung im Bildungsbereich nicht einverstanden sind (Rechtsradikale selbstverständlich ausgeschlossen).
Die aktuelle Wirtschaftskrise wird die soziale Krise in all ihren Teilbereichen wie auch dem Bildungssystem weiter verschärfen. Wichtig ist deswegen, den Bereich der Bildung als Teil des Sozialen zu begreifen und auch die Bildungsproteste als Teil der sozialen Proteste zu verstehen, welche die Abwälzung der Kosten der Krise auf die Bevölkerung nicht mehr hinnehmen wollen. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, das Ziel einer Erhöhung der jährlichen Bildungsausgaben um mindestens 40 Milliarden Euro, wie es von der GEW und anderen formuliert wird,ii nicht durch Kürzungen in anderen sozialen Bereichen zu erreichen und so die Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander zu stellen, sondern durch eine gerechte Steuer- und Abgabenpolitik für eine Erhöhung der Staatsquote insgesamt zu kämpfen.
Es ist auch die Aufgabe der gesellschaftlichen Linken, mit dazu beizutragen, die verschiedenen Proteste politisch und organisatorisch zusammenzuführen. Dies wird eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung einer links-emanzipatorischen Hegemonie sein, wenn sie tatsächlich gesellschaftlich getragen sein und sich nicht nur auf das politische und intellektuelle Milieu beschränken will.
So wie am Beginn des Jahrtausends die Verbindung von globalisierungskritischer Bewegung mit den Protesten gegen Sozialabbau den Einfluss neoliberaler und marktradikaler Konzepte, die nahezu das ganze Parteienspektrum und die politische Öffentlichkeit erfasst hatten, zurückdrängen und das Kräfteverhältnis nach links verschieben konnte, könnte auch in den kommenden Protesten gegen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise ein Potential für emanzipatorische gesellschaftliche Veränderung entstehen.
Die Frage wird sein, wie sich die politischen Akteure auf kommende Proteste beziehen werden bzw. in diesen agieren: Es geht um mehr als das bloße Einverständnis mit linken Politikansätzen durch (große) Teile der Bevölkerung, das in Wahlen und Umfragen zum Ausdruck kommt. . Es geht vielmehr um die politisch gewollte und bewusst geförderte Beteiligung der Menschen an den politischen Prozessen – einerseits um den politischen Druck zu erhöhen, andererseits aber auch um tatsächlich nachhaltige demokratische und emanzipatorische Prozesse in Gang zu setzen. Aus dem berechtigten Empfinden breiter Teile der hochschulpolitischen Öffentlichkeit (wie der Bevölkerung insgesamt), dass Politik gegen die Interessen der Mehrheit gemacht wird, muss eine Perspektive gesellschaftlicher Veränderung von unten erwachsen, um Resignation zu bekämpfen und eine gesellschaftlich getragene Gegenhegemonie aufzubauen.
i Hochschule in der Demokratie – SDS Hochschul-Denkschrift, Frankfurt, 1972, S. 93








