Kolumne: „Unsere Uni #6: Wohnst du schon oder suchst du noch?“

Rund eine halbe Million SchulabgängerInnen sucht gerade einen Studienplatz – und die meisten von ihnen auch eine Wohnung. Doch in den großen bundesdeutschen Städten herrscht Wohnungsnot. Mittlerweile betrifft das nicht mehr nur die klassischen Hochschulstandorte wie Hamburg oder München, Karlsruhe oder Heidelberg – auch in beliebten ostdeutschen Städten wie Dresden oder Leipzig wird bezahlbarer Wohnraum zunehmend zur Mangelware. Dieser Artikel erschien zuerst auf www.critica-online.de.

Es ist nicht nur ein weiterer unschöner Nebeneffekt der chaotischen Bewerbungsverfahren aufgrund mangelnder Studienplätze, der den BewerberInnen eine vernünftige Wohnungssuche verunmöglicht, denn beim Studienplatz-Roulette ist lange unklar, welche Hochschule sich zurückmeldet und wo man angenommen wird.

Es sind vor allem die Auswirkungen der Gentrifizierung, die mittlerweile in allen größeren Städten Einzug erhalten hat und die Innenstädte zum Schauplatz für Investitionen und Spekulationen macht. Ganze Häuser und Wohnblocks werden aufgekauft, saniert – Kieze „aufwerten“ heißt das – und teurer vermietet, – „Luxuswohnungen statt bezahlbarem Wohnraum für alle“ sagen Linke dazu. Die eingesessene Bevölkerung, die das oftmals nicht bezahlen kann, wird peu a peu aus den Stadtzentren verdrängt: einfache Angestellte, RentnerInnen, Erwerbslose, MigrantInnen und eben Studierende – denn ungefähr 700 € haben Studierende durchschnittlich im Monat zur Verfügung – die zwangsweise „Aufwertung“ von Wohnraum stößt also schnell an finanzielle Grenzen.

Und so vollzieht sich Jahr für Jahr die fast schon zum Standard gewordene Situation bei Semesterbeginn: Studierende, die in Containern oder ehemaligen Kasernen unterkommen, die in zu Matratzenlagern umfunktionierten Turnhallen nächtigen, oder die sich in Hostels einmieten. Und natürlich diejenigen, deren neuer Lebensabschnitt im alten Kinderzimmer anfängt, weil sie es sich nicht leisten können bei den Eltern auszuziehen oder keine andere Bleibe finden.

Längst hat sich ein lukrativer Markt mit studentischem Wohnraum entwickelt: Eine Marktanalyse von Savills („Beratungskompetenz für nachhaltige immobilienbezogene Entscheidungen“ nennen sie ihr Portfolio) stellt fest, dass „in Anbetracht der Aussetzung von Wehrpflicht und Zivildienst sowie doppelter Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern […] für die kommenden Jahre mit einem weiteren Anstieg der Studierendenzahl gerechnet“ wird und kommt zu dem Schluss, dass sich „hier also durchaus Potenzial für private Investoren“ verbirgt. In einem Scoring wird die Attraktivität der 51 Hochschulstandorten mit mehr als 10.000 Studierenden bewertet – und kommt zu dem gleichermaßen absehbaren wie zynischen Ergebnis: „Im Hinblick auf den Status quo schneiden Frankfurt am Main mit einem Score von 9,0, Darmstadt (8,9) und München (8,5) am besten ab. Frankfurt ist vor allem aufgrund der sehr hohen Einkommensbelastung attraktiv – in keinem anderen der untersuchten Standorte müssen Studenten einen größeren Anteil ihres Einkommens für die Miete aufwenden. Hinzu kommt die Knappheit öffentlicher Wohnheimplätze. Für lediglich etwas mehr als 7 % aller Studierenden steht ein Wohnheimplatz zur Verfügung – dies ist der viertniedrigste Wert aller 51 Städte. Diese beiden Faktoren führen zusammen mit der hohen Studierendenanzahl (ca. 48.000 – Rang 5) sowie einer niedrigen Leerstandsquote am Wohnungsmarkt (ca. 2,2% – Rang 16) dazu, dass Frankfurt mit Blick auf die aktuelle Situation das niedrigste vom Makrostandort ausgehende Investitionsrisiko aller untersuchten Städte aufweist.“

Regierungen in Bund und Ländern sind nicht nur – so als wäre das gegenwärtige Hoch an mittlerweile fast 2,4 Millionen Studierenden nicht schon längst ein Langzeit-Plateau und als wären die doppelten Abiturjahrgänge eine überraschende Entwicklung – unvorbereitet auf diese Situation. Sie sind auch gänzlich unbeeindruckt von der Entwicklung der sozialen Zusammensetzung der Städte und der sozialen Lage der Studierenden.

Auch im Bildungshaushalt für 2013 finden sich keine Gelder für die Infrastruktur an den Hochschulen oder den Wohnheimausbau, und beim Hochschulpakt ist die soziale Dimension regelmäßig komplett ausgespart.

Dabei ist neben der allgemeinen Gentrifizierung das größte Problem die sinkende öffentliche Förderung studentischen Wohnraums. Standen zu Beginn der 90er Jahre noch für 15% der Studierenden Wohnheimplätze zur Verfügung, sind es heute nur noch 11%. Das Deutsche Studentenwerk beziffert deswegen den gegenwärtigen Bedarf an neuen Wohnheimplätzen auf 25.000. Und das ist wahrscheinlich noch vorsichtig geschätzt: in Berlin bewerben sich derzeit 881 Studierende für ein Zimmer im Wohnheim, berlinweit gibt es aber nur 9500 Plätze, und die meisten sind belegt. In Hamburg stand die Quote im vergangenen Semester bei 6000 Bewerbungen auf 2000 Wohnheimplätze, in Köln 8000 zu 3000.

Im vergangenen Jahr ist es punktuell gelungen, die Gentrifizierung in die öffentliche Debatte zu bringen und deren Auswirkungen zu skandalisieren. In Berlin Pankow besetzten RentnerInnen ihre vor der Schließung bedrohte Freizeitstätte. Seit einem Vierteljahr harren Kreuzberger MieterInnen in ihrem Protestcamp „Kotti und Co“ aus, um auf die horrenden Mieten in ihrem Kiez aufmerksam zu machen.

Es ist überfällig, dass auch die Studierende auf ihre Wohnsituation aufmerksam machen.

Wenn es schon keinen günstigen Wohnraum gibt, sollte man ihn sich vielleicht einfach nehmen – auf dem Campus oder vor dem Rathaus.

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