Kolumne: „UNSERE UNI # 9: WE ARE 50% – ÜBRIGENS NICHT NUR IN AUFSICHTSRÄTEN“

Die Frauenquote in Aufsichtsräten von börsendotierten Unternehmen wird seit Monaten heiß diskutiert. Doch selbst zu der eigentlich mehr als selbstverständlichen Forderung einer 40-prozentigen Quote kann sich die Koalition nicht durchringen. Und noch weniger natürlich zu Verbesserungen bei der Gleichstellung und Förderung von Frauen im Wissenschaftsbereich.

Wenn es die Gender-Thematik wirklich einmal unter die Top-Themen schafft, dann kann man sich sicher sein, dass sie ziemlich verquer und völlig weichgespült da oben ankommt. Die politische und mediale Debatte reduziert sich seit Monaten auf die Frage der Frauenquote in Aufsichtsratsgremien, fordert doch die EU-Kommission in einem Gesetzesentwurf, die Spitzengremien europäischer Großunternehmen künftig mit 40 Prozent Frauen zu besetzen. FDP und Union schaffen es sogar, noch über diese Frage in eine Art Unterbietungswettbewerb zu treten: die CDU möchte eine Lösung „auf nationaler Ebene“, Ministerin Schröder favorisiert die „Flexi-Quote“, und die Mehrheit der FDP stänkert gegen eine „gesetzlich fixierte“ Zwangsquote und schlägt eine freiwillige, individuelle Quote vor, also keine.

Die Probleme der Mehrheit der Frauen schaffen es hingegen selten in die Berichterstattung. Dabei sind die Probleme drängende, wie das Beispiel Frauen in Hochschule und Wissenschaft zeigt.

Erster Befund: je höher die Qualifikations- bzw. Karrierestufe, desto weniger Frauen, denn über die verschiedenen Hierarchieebenen wird ausgesiebt: zwar beginnen und beenden mehr Frauen als Männer ein Studium: unter den 2,1 Mio. StudienanfängerInnen 2009 waren über 1 Mio. Frauen, und der Frauenanteil unter den StudienabsolventInnen lag im Jahr 2009 beim Bachelor bei 51,7 Prozent. Eine Promotion schließen aber nur noch 44,1 Prozent Frauen ab, unter den Professuren sind Frauen nur noch mit 18,2 Prozent vertreten, bei den C-4- und W-3-Positionen stellen Frauen gerade mal noch 13,6 Prozent.

Zweiter Befund: Nachwuchswissenschaftlerinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen stehen noch häufiger als Männer in befristeter und Teilzeitbeschäftigung, von „Equal Pay“ bei vielen hochdotierten Positionen in Wissenschaft und Forschung keine Spur.

Hauptursache, die vielen Frauen die Arbeit in der Wissenschaft und eine wissenschaftliche Karriere verbaut: die Unsicherheit der beruflichen Perspektive, die mangelnde Planbarkeit, und damit die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Kindern oder Familienplanung. Denn gerade an der Hochschule nehmen Zeitverträge mit immer kürzeren Vertragslaufzeiten zu, 2009 waren 83 Prozent der angestellten hauptberuflichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen in befristeten Verträgen beschäftigt.

Und während Union und FDP noch darum ringen, ob und inwieweit sie einer Verbesserung der Karrierechancen von einem verschwindend geringen Teil der Frauen zustimmen können, nämlich derer, die künftig in Aufsichtsräten sitzen werden, schlage ich vor, sich auch den Forderungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zuzuwenden, die die Debatte um gute Beschäftigungsbedingungen, berechenbare Karrierewege und Geschlechtergerechtigkeit seit Jahren konsequent verfolgt – nicht zuletzt mit den Initiativen „Templiner Manifest“ und „Herrschinger Kodex“, die auf den letzten GEW-Wissenschaftskonferenzen diskutiert und verabschiedet wurden.

Zentrale Forderungen: Die unbefristete Vollzeitbeschäftigung muss zum Regelarbeitsverhältnis werden, nur in begründeten Fällen darf davon abgewichen werden. Die Teilzeitbeschäftigung gibt es nur auf ausdrücklichen Wunsch der Beschäftigten, der Umfang darf 50 Prozent einer Vollzeitbeschäftigung nicht unterschreiten. Verlässliche berufliche Perspektiven für promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch eine Tenure-Track-Option für Post-docs. Dort, wo Lehrbeauftragte dauerhaft Lehr- und Prüfungsaufgaben wahrnehmen, sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse anzubieten. Eine Geschlechter-Quotierung mindestens nach Maßgabe des „Kaskadenmodells“, bei denen als Bezugsgröße der Anteil von Frauen in der jeweils vorangehenden Qualifikationsstufe zugrunde gelegt wird. Und: die Hochschule zielt darauf ab, allen Beschäftigten ein ausgewogenes Verhältnis von Berufs- und Privatleben zu ermöglichen.

Letzteres ist leider auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch eine top-aktuelle Problematik. Denn nach wie vor sind es in übergroßer Mehrheit die Frauen, die sich dank tradierter „Frauen als Nebenverdienerinnen“-Mentalität und einer nach „weiblich“ und „männlich“ konnotierten Berufsbildern hierarchisierten Arbeitswelt mit schlechteren Löhnen, prekären Arbeitsverhältnissen und Doppel- und Mehrfachrollen als Karrierefrau, Mutter, Hausfrau, Alten- und Krankenpflegerin herumschlagen dürfen.

Die meisten Frauen versuchen Job, Kinder, Haushalt und mehr unter einen Hut zu bekommen, nicht wenige Frauen leiden unter dem enormen Druck und haben das Gefühl, den Doppel- und Dreifachbelastungen nicht wirklich gerecht zu werden.

Schwer erträglich sind darum diejenigen Stimmen, die mit dem Verweis auf die zarten Fortschritte in der Gleichstellungspolitik der letzten Jahrzehnte oder mit ihrer reduzierten Empathie für das obere 1 Prozent der Frauen in Aufsichtsräten die aktuellen Probleme der Mehrheit letztendlich klein reden und ignorieren.

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