Auswertung der Kleinen Anfrage „Wissenschaftsfreiheit und Angriffe gegen die Gleichstellungs- und Geschlechterforschung (Gender-Studies)“ der Fraktion DIE LINKE

wir haben die Bundesregierung zu ihrer Einschätzung zu den Angriffen von Rechts auf die Gender Studies befragt. Die Antwort der Regierung findet ihr hier. Im Folgenden unsere Auswertung:

O- Ton Nicole Gohlke:
„Die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der LINKEN zu „Wissenschaftsfreiheit und Angriffen gegen die Gleichstellungs- und Geschlechterforschung“ offenbart einmal mehr den großen Nachholbedarf der Bundesregierung bei diesem Thema.
Zwar attestiert die Bundesregierung den Gender Studies eine „große Bedeutung“ – dieses politische Statement wird aber durch die gerade einmal 0,24 Prozent der Forschungsgelder in diesen Bereich konterkariert.
Zudem klaffen in der Antwort der Regierung erhebliche Wissenslücken – denn Gender Studies betreibt man nach Ansicht der Regierung offenbar auch bei der Erforschung von „Effekten von Vibrationstraining auf Knochenqualität in Frauen mit Osteopenie“ oder der „Bedeutung von Sexualhormonen für die Gewebsregeneration beim Amöbenleberabszess“.
Zudem meint Bundesregierung zu einer Stärkung der Gender Studies beizutragen, indem sie bei 100 börsennotierten Unternehmen eine Frauenquote eingeführt hat. Wie die weibliche Beteiligung in den Aufsichtsräten von VW, Commerzbank und Deutscher Post die Geschlechterforschung unterstützt, bleibt dabei ihr Geheimnis.
Offensichtlich begreift die Regierung als Geschlechterforschung alles, was „irgendetwas mit Frauen zu tun hat“. Für sich betrachtet sind diese Unkenntnisse zum Lachen. Da jedoch keine andere Wissenschaftsdisziplin durch den wachsenden Rechtspopulismus größeren Anfeindungen ausgesetzt ist, als die Gleichstellungs- und Geschlechterforschung, ist die Unfähigkeit der Regierung eine echte Gefahr für den Kampf gegen Diskriminierung und für Gleichstellung.“

– BT-Drs. 18/13254 –
Seit einiger Zeit erleben wir eine Welle der Anfeindung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit Fragen von geschlechterspezifischer Diskriminierung beschäftigen. Insbesondere die Gleichstellungs- und Geschlechterforschung (Gender Studies) an Hochschulen sieht sich seit geraumer Zeit enormen Angriffen ausgesetzt.
Ganz aktuell hat die Ausgabe der EMMA (Mit einem „Dossier über den Psychoterror und die Denkverbote an der #Uni und in der #Queerszene“) und die Antwort von Judith Butler und Sabine Hark die Debatte neu entfacht. Gleichzeitig wird mit der AfD im September vermutlich eine Partei in den Bundestag einziehen, die die Gender Studies unverhohlen ablehnt.
Vor diesem Hintergrund haben wir die Bundesregierung nach ihrer Position zu dieser Thematik befragt. Die zentralen Ergebnisse:

1) Keine Erkenntnisse über Anfeindungen auf Gender Studies
Die Bundesregierung verneint, Erkenntnisse über die Auswirkungen des erstarkenden Rechtspopulismus auf den Diskurs über die Gleichstellungs- und Geschlechterforschung zu haben (Fragen 10 und 11) – und das obwohl sie die öffentliche Diskussion „sehr aufmerksam“ verfolge (Frage 6).

2) Geschlechterforschung ist nicht gleich Frauenförderung

Die Bundesregierung verwechselt (fast) durchgängig die Geschlechterforschung mit der Frauenförderung. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Privatwirtschaft.
So erläutert sie etwa in Frage 2: „Eine gezielte Projektförderung der Genderforschung findet auf Bundesebene im BMBF-Förderbereich ‚Strategien zur Durchsetzung von Chancengerechtigkeit für Frauen in Bildung und Forschung‘ statt. Zu nennen sind z. B. die Förderlinien ‚Frauen an die Spitze‘
(Bekanntmachungen vom 30.06.2006 und 26. Juni 2009; Laufzeit: 2007 bis 2016), ‚Maßnahmen zum Ausbau von innovativen Forschungskooperationen und zur Stärkung der Netzwerktätigkeit‘ (Bekanntmachung vom 29. August 2012; Laufzeit: 2013 bis 2016) und ‚Erfolg mit MINT – Neue Chancen für Frauen‘ (Bekanntmachung vom 02. Oktober 2015; Laufzeit: 2015 bis 2020).
Auch der Zusammenhang, der zwischen der Frauenquote für die etwa 100 börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen und der Geschlechterforschung aufgemacht wird, bleibt im Dunkeln. Sie schreibt in der Einleitung: „Nicht zuletzt hat die Bundesregierung mit der Verabschiedung des Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst am 24. April 2015 zeitgemäße strukturelle Rahmenbedingungen gestaltet, die nach Auffassung der Bundesregierung mit positiven Impulsen für die Geschlechter- und Gleichstellungsforschung in Deutschland verbunden sein dürften.“

3) Fördermittel noch niedriger als angegeben
Die Bundesregierung veranschlagt rund 46 Millionen Euro, die die DFG von 2010-2017 im Bereich Gender Studies ausgegeben habe. Das seien 0,24 Prozent des Fördervolumens. Die in Anlage 1 aufgeführten Projekttitel legen jedoch nahe, dass eine klare Eingrenzung auf ein Wissenschaftsfeld fehlt. Eine Geschlechterperspektive – wie sie die Bundesregierung immer wieder als Querschnittsfrage lobt – ist jedoch nicht eindeutig als Forschung in Gender Studies zu verbuchen, genauso wenig wie etwa eine politikwissenschaftliche Diskursanalyse eindeutig als Arbeit in Deutscher Literatur.
Würde das geförderte Feld weiter eingegrenzt, müsste die Förderung also vermutlich noch geringer angegeben werden, insbesondere da gerade medizinische Forschung um einiges teurer ist als sozialwissenschaftliche.
Beispiele aus der Anlage 1:
• Der Zusammenhang von Knochenqualität, muskulärer Leistungsfähigkeit und Körperkomposition in Frauen mit Osteopenie, Leistungssportlern und Patienten mit Essstörungen & Die Effekte von Vibrationstraining auf Knochenqualität in Frauen mit Osteopenie.
• Akustische und artikulatorische Aspekte des Geschlechts im Deutschen.
• Bedeutung von Sexualhormonen und dem Lipidstoffwechsel für die Immunpathologie und Gewebsregeneration beim Amöbenleberabszess.
• Erörterung koevolutionärer Effekte von Wirt-Parasit und Männchen-Weibchen Interaktionen auf die Wirtsfitness.
Vor dem Hintergrund ist die Aussage, dass die Bundesregierung „die Gleichstellungs- und Geschlechterforschung in Deutschland erheblich unterstützt“ habe (Frage 13), eindeutig zurückzuweisen.